Der Buddha im Hof Oberlethe bei Oldenburg i.O.

 

 

 

 

 

 

 

BUDDHISMUS

 

 

 

 

 

 

Inhalt:

Thich Nhat Hanh: Der Zweck der Meditation

BUDDHA und I. KANT

Der Buddha in den USA (Kurzgeschichte)

Jainismus und Buddhismus

Karma, Buddhismus und Schuld

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Zweck der Meditation

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einige Lehrer sagen, wir sollten die Probleme der Welt wie Hunger, Krieg, Unter­drückung und Ungerechtigkeit nicht beachten, sondern nur "üben". Diese Lehrer haben die Bedeutung von Mahayana nicht wirklich verstanden. Natürlich sollten wir Übungen wie das Zählen des Atmens, Meditation und das Lesen der Sutren nicht vernachlässigen; doch was ist der Zweck dieser Dinge?

  Der Zweck der Meditation ist die Wachheit über die Vorgänge in uns und in der Welt. Was in der Welt vor sich geht, können wir in uns betrachten und umge­kehrt. Wenn wir das klar erkennen, können wir das Einnehmen eines Stand­punktes und das Handeln nicht verweigern. Wenn ein Dorf bombardiert wird und Kinder und Erwachsene verwundet und getötet werden, kann dann ein Buddhist still in seinem unzerstörten Tempel sitzen?

  Tatsächlich wird er, wenn er Weisheit und Mitgefühl besitzt, in der Lage sein, buddhistisch zu handeln, während er anderen Menschen hilft.

  Buddhistisch zu handeln bedeutet, seine eigene Natur zu sehen und ein Buddha zu werden. Wenn wir nicht in der Lage sind zu sehen, was um uns herum geschieht, wie können wir dann erwarten, unsere eigene Natur zu erkennen? Gibt es nicht eine Beziehung zwischen dem Selbst eines Buddhisten und dem Selbst des Leidens, der Ungerechtigkeit und des Krieges? Tatsächlich bedeutet das Erkennen der wahren Natur der Atomwaffen das Erkennen unserer eigenen wahren Natur.

Thich Nhat Hanh in seinem Kommentar zur 4. Tiêp Hiên-Regel in Einssein, Theseus 1994.

Sonach zeigt sich die wahre Natur des Menschen in der Atombombe!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

BUDDHA  und  I. KANT

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Buddha hat uns gelehrt, daß seine Lehren nur dann authentisch dargelegt werden, wenn sie den Menschen in ihren jeweiligen Lebenssituationen gerecht werden.

Chân Không: Aus Liebe zu allen Wesen, S.297

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gautama Buddha:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Richtet euch, ihr Kalamas, nicht nach Hörensagen und Überlieferung, nicht nach landläufigen Meinungen und der Autorität von (heiligen) Schriften, nicht nach Spekulationen und Schlussfolgerungen, nicht nach sinnfälligen Theorien und liebgewordenen Ideen, nicht nach dem Eindruck persönlicher Vorzüge (des betreffenden Samana) und nicht nach der Autorität eines Meisters! Wenn ihr vielmehr selber erkennt: ´Diese Dinge sind unheilsam, verwerflich, werden von Verständigen getadelt, führen, wenn verwirklicht, zu Unheil und Leiden` - dann, Kalamas, sollt ihr sie ablehnen... Und wenn ihr erkennt: ´Diese Dinge sind heilsam, annehmbar, werden von Verständigen gepriesen, führen, wenn verwirklicht, zu Heil  und Glück` - dann, Kalamas, solltet ihr sie euch zu eigen machen.

(Kalama-Sutra nach Schumann, Der historische Buddha, S.230)

 
  Es ist gut, Zweifel zu haben. Glaubt nicht an etwas, weil die Menschen viel darüber reden, oder weil es schon immer so war, oder weil es so in den Schriften steht... Achtet darauf, ob es eurem Urteil widerspricht, ob es schädlich sein kann, ob es durch weise Menschen verurteilt wird, und vor alledem, ob es in der Praxis Zerstörung und Schmerz verursacht... Alles, was ihr als schön betrachtet, was mit eurem Urteil übereinstimmt, was durch weise Menschen anerkannt wird und was im praktischen Leben Freude und Glück bringt, könnt ihr akzeptieren und ausüben.

(Kalama-Sutra nach Thich Nhat Hanh, Einssein, S.40)

 
  Gebt euch nicht zufrieden mit Gehörtem oder mit Tradition oder mit überlieferten Legenden oder mit dem in alten Schriften Gesagten oder mit Mutmaßungen oder mit Schlussfolgerungen oder mit dem Abwägen des Augenscheinlichen oder mit dem Hinneigen zu einer Anschauung nach reiflicher Überlegung oder mit eines anderen Fähigkeiten oder mit dem Gedanken "Dieser Mönch ist unser Lehrer". Wenn ihr für euch selbst wisst: "Diese Dinge sind zum Heil, ohne Makel, von den Weisen gutgeheißen, und wenn man sie annimmt und anwendet, führen sie zu Wohlergehen und Glück", dann solltet ihr sie üben und bei ihnen bleiben...

Kalama-Sutra (Anguttara Nikaya III, 65) in The Life of the Budhha, übers. von Nanamoli Thera, S.175 f. in Stephen Batchelor: Buddhismus für Ungläubige, S.13

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Immanuel Kant:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. "Sapere ande!" "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" ist also der Wahlspruch der Aufklärung. Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter majorennes), dennoch gern zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. (.....) Selbstdenken heißt: den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst (d. i. in seiner eigenen Vernunft) suchen; und die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Buddha in den USA

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So habe ich es gehört: 

Zu einer Zeit weilte der Buddha in den USA, und da sich dies schnell herumgesprochen hatte, erfuhr es auch der Präsident. Sein Land war wieder von Terroranschlägen erschüttert worden, und es waren viele Opfer zu beklagen. Allein bei Las Vegas hatte es über 1100 Tote gegeben, als ein Supermarkt  in die Luft  flog. Das war bereits der sechste große Anschlag in diesem Jahr.  

Obwohl die Regierung schärfste Sicherheitsmaßnahmen ergriffen hatte - der Überwachungsstaat schien nahezu perfekt und alle Freiheitsrechte waren außer Kraft gesetzt -, holte sich der Terrorismus Jahr für Jahr seine unschuldigen Opfer. Der Präsident und seine Berater waren ratlos, und es gelang ihnen immer weniger, dies zu verbergen. Die Stirnfalten des Präsidenten ließen sich nicht mehr straffen. Unter seiner Schädeldecke befanden sich keine klaren Gedanken mehr.  

In diesem erbärmlichen Zustand ließ sich der Präsident, von seiner Sicherheitsberaterin und sechs Bodyguards begleitet, im Helikopter ans Ufer des Potomac-River fliegen, wo der Buddha unter einem Baumdach saß – völlig allein. Man hatte ihm diesen Besuch angekündigt. Der Hubschrauber landete etwa 200 Meter entfernt auf einer Wiese. Der Präsident ging ohne Begleitung zum Erhabenen, legte seine Hände zum Gruß zusammen, verbeugte sich und setzte sich neben den weisen Mann.

 So saßen sie ein paar Minuten bei einander – schweigend, denn der Eine wollte das erste Wort nicht ergreifen und der Andere konnte es nicht. Dann jedoch, als ihm nämlich auffiel, dass die Stirnfalten des Anderen nicht verschwanden, sagte der Buddha:      

„Mr. President, erwarten Sie von mir keine Wunder! Ich zeige Ihnen nur den Weg. Gehen müssen Sie ihn selber.

Und, den verzweifelten Blick bemerkend: „Mr. Präsident, Sie sitzen hier ja total verkrampft! Zu allererst brauchen Sie Ruhe, verstehen Sie, was ich meine? Gut. Diese können Sie finden, wenn Sie meinen Rat befolgen. Lassen Sie, falls sie noch welche haben, alle Gedanken fahren! Konzentrieren Sie sich auf nichts Anderes als auf Ihren Atem! Verharren Sie so lange in diesem Zustand, bis ich erkennen kann, dass Sie zur Ruhe gekommen sind. Aber schlafen Sie dabei nicht ein! Sie sollten hellwach bleiben. Zählen Sie Ihre Atemzüge still vor sich her. Werden Sie mit Ihrem Atem eins. 

Der Präsident, zuerst verwundert, dann von der Wirkung angenehm überrascht, tat, wie ihm gesagt. Nach einer Weile klatschte der Buddha in die Hände und begann zu reden: 

„Mr. President, Sie sind der mächtigste Mann der Welt. Sie haben die oberste Befehlsgewalt über den größten Militärapparat, den es gibt, über alle Soldaten der Vereinigten Staaten, über das gefährlichste Waffenarsenal, über Flugzeuge und Raketen, Panzer und Schiffe. Und Sie haben Ihre Geheimdienste mit Vollmachten ausgestattet, die diese nicht einmal während des Kalten Krieges hatten. Dennoch gelingt es Ihnen selbst im eigenen Lande nicht, Terroristen davon abzuhalten, zu töten und zu zerstören, wo immer sie wollen. Woran liegt das wohl? Was meinen Sie, Mr. President?

Der Präsident wusste keine Antwort.

„Ist es nicht so, dass hier in Ihrem Land Wald- und Steppenbrände manchmal mit gezielter, kontrollierter Brandlegung bekämpft werden, vorbeugend oder wenn Brände bereits ausgebrochen sind?

„Das ist übliche Praxis bei uns. Das hat Tradition. 

„Und Sie glauben, Mr. President, auf diese Weiseauch die terroristische Gewalt, die überall in der Welt zuschlägt, bekämpfen und eindämmen zu können?

„Ja. Wir werden unsere Anstrengungen verstärken, Herr Gotama. Dann wird das eines Tages gelingen.

 „Haben Sie, Mr. President, schon darüber nachgedacht, warum es diesen Terrorismus gibt, wodurch er entstanden ist?

 „Religiöser Fanatismus, Hass auf unsere Zivilisation.

„… und ob die Maßnahmen, die Sie ergreifen, nicht ebenfalls Terror zur Folge haben, Angst und Schrecken selbst bei Menschen, die den Terrorismus ablehnen?

„Kollateralschäden werden sich nicht immer vermeiden lassen. Nennen Sie es nicht Terror, Herr Gotama.

„Was empfinden Sie, Mr. President, wenn Ihnen von neuen Attentaten berichtet wird?

„Trauer und Wut.

„Und?

„Warum fragen Sie, Herr Gotama?  Es versteht sich doch von selbst: Hass. Hass natürlich auch.

„Sehen Sie, Mr. President: Hass!  Wie und wodurch entsteht Hass? Haben Sie darüber nachgedacht?

„Ja, durch solche Terrorakte beispielsweise.

„Durch welche, durch wessen?

„Ich verstehe nicht, wie Sie das meinem, Herr Gotama.

„Mr. President, eben haben Sie gesagt, auch Sie empfänden Hass. Also gibt es Hass auf beiden Seiten. Betrachten Sie nun diesen Hass, unabhängig davon, auf welcher Seite er auftritt!  Was ist Hass, tödlicher Hass?

„Es ist Sache der Philosophen, darüber nachzudenken, nicht die des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Der hat dazu gar keine Zeit.

„…sich über seine Gefühle im Klaren zu sein, Mr. President?

„Ich kann nicht ständig eine Nabelschau veranstalten, Herr Gotama!

„Das wird auch niemand von Ihnen erwarten. Aber wenn solch ein Gefühl wie der Hass alles Denken und Handeln bestimmt, Tod und Trauer verursacht, Zerstörung, Elend, unsägliches Leid, sollten wir dann nicht endlich anfangen, danach zu fragen, wo dieser Hass, wo dieses Gefühl der Abneigung, der Feindschaft, der Rachsucht herkommt, welche tiefen Narben da aufgebrochen sind und ob Hass, ein Zustand, in dem man ´außer sich` ist, nicht eine unheilvolle Krankheit des Geistes ist?

„ ? „

„Und wenn wir erkannt haben, dass Hass zwar eine unheilvolle, jedoch nicht unheilbare Krankheit des Geistes ist, gibt es dann nicht auch Mittel und Wege, diesen kranken Geist, diesen tödlichen Ungeist, zu heilen?

„Wie denn?

„Versetzen Sie sich in diese Menschen, die von Ihnen gehasst werden und die Sie hassen. Ist es nicht dasselbe Gefühl?

„Es ist dasselbe Gefühl!

„Ihnen gemeinsam ist der Hass. Und weil Sie dieses Gefühl gemeinsam haben, kämpfen Sie gegeneinander. Ist das  nicht absurd?

„Sie sagen es, Herr Gotama.

„Es sind Menschen, wie Sie einer sind, so gut und so böse wie Sie selber. Warum lassen Sie „gut und „böse nicht fahren und gehen auf einander zu? Was hindert Sie daran?

„Ich weiß es nicht, Herr Gotama.

„Es sind die konkreten, die realen Ursachen dieses Gefühls, Ihre Interessen und die Interessen derer, die Sie sich gegenüber stehen sehen, Mr. President.

„Ja, das ist es eben, was uns trennt.

„Muss es das? Sie haben dasselbe Gefühl, den Hass, die Feindschaft, die Rache, die Vergeltungssucht. Aber haben Sie nicht auch gemeinsame Interessen…

„Ich weiß es nicht, Herr Gotama.

„..abgesehen davon, dass Sie einander vernichten wollen? Ist das nicht verrückt, Mr. President?

„Sie sagen es, Herr Gotama.

„Nun, das scheinen Sie verstanden zu haben, Mr. President. Jetzt erhebt sich die Frage, ob, wenn es gemeinsame Interessen gibt,  es möglich ist, sich über die Interessen, die Sie nicht gemeinsam haben, zu verständigen und sich einig zu werden. Oder sagen wir es mit Ihren Worten: das, was Sie von einander trennt, aus dem Weg zu räumen.

„Das wird schwierig sein.

„Warum meinen Sie, es sei schwierig, etwas aus dem Weg zu räumen, das eine ständige Gefahr ist, weil es den Frieden behindert? Man hat mir gesagt, das Öl habe für Sie eine sehr große Bedeutung, Mr. President, denn  die vielen Kriegsschiffe, die vielen Kampfflugzeuge, die vielen Panzer, die vielen Lastwagen, die vielen Jeeps und die vielen Militäranlagen, die Sie überall in der Welt unterhalten, verbrauchen viel Öl. Wenn Sie dies alles abschaffen, wird sehr viel Öl eingespart und die Welt fühlt sich von Ihnen viel weniger bedroht! Wäre das nicht wunderbar, Mr. President?

„Das ist für mich eine völlig neue Sichtweise, Herr Gotama.

„´Stehende Heere` ´bedrohen andere Staaten unaufhörlich mit Krieg durch die Bereitschaft, immer dazu gerüstet zu sein…` Wissen Sie, wer dies geschrieben hat, Mr. President – vor 207 Jahren?

„Sie wissen es, Herr Gotama.

„Der weise Deutsche, der aus Königsberg. Kennen Sie seine Schrift ´Zum ewigen Frieden`?

„Lassen Sie mir Zeit, Herr Gotama!  

„Ich kann Ihnen diese Zeit nicht geben, Mr. President. Die müssen Sie sich selber nehmen. Dann werden Sie den Terror sehr schnell beendet haben.
 

Der Buddha erhob sich, legte die Hände zusammen, verbeugte sich vor dem Präsidenten, ging zum Fluss, entkleidete sich, bündelte sein Gewand und schwamm ans andere Ufer. Der Präsident indes runzelte schon wieder die Stirn. Noch lange saß er auf seinem Platz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jainismus und Buddhismus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Buddhismus hat vieles mit dem Jainismus gemeinsam. Auch der Buddha lehrte und praktizierte Gewaltlosigkeit, Güte und Freundlichkeit, Mitleid und Toleranz, Besonnenheit und Achtsamkeit, kurz: „Liebe zu allen Wesen" (Chân Không*), zu den Menschen, Tieren, Pflanzen, zur gesamten Natur. Wie die jainistischen Lehrer lehnte er den Glauben an einen (Schöpfer-) Gott ab, ebenso den Brahmanismus, das Kastenwesen, Tieropfer und alle anderen Rituale.

Bevor er die Buddhaschaft erlangt hat, hatte Siddhartha Gautama sein reiches Elternhaus verlassen und war in die „Hauslosigkeit gegangen. Er begegnete in den Wäldern Wandermönchen und Asketen, darunter den Jinas, den „Überwindern, den „Siegern. Diese Jinas befolgten eine extrem strenge Lehre, die damals schon als Jainismus bekannt war und viele Anhänger hatte, Mönche und Laien. Der Jainismus ist zwischen dem 8. und 7. Jahrhundert vor u. Zr. entstanden und existiert auch heute noch, sogar in Deutschland. Er ist eine der ältesten Religionen, die den Schutz der Natur, allen Lebens, gebietet, und „die einzige Religion des Vegetarismus (Jain Association International, Germany). Denn nach dieser Lehre gelten alle Lebewesen und alle Materie wie Pflanzen, Erde, Gestein, Wasser, selbst das Feuer und der Wind als beseelt. Und die karmisch verunreinigte Menschenseele könne allein durch Askese befreit werden. Dazu gehörte die Selbstkasteiung bis zum Fastentod.

Der Buddha – davon können wir ausgehen - hat vom Jainismus Wesentliches übernommen, nicht jedoch die Askese, den Vegetarismus und das Fastengebot, nicht die Selbstkasteiung, nicht den Animismus, nicht den Glauben an eine Seelenwanderung (Ewige Seele) und an einen karmischen Fatalismus, der jede Willensfreiheit ausschließt. Er hat den Mönchen und Nonnen den Fleischgenuss nicht verboten, denn die (Bettel-) Mönche sollten keine Nahrung verweigern, aber es sollte kein Tier extra für sie geschlachtet, getötet werden. Siddhartha Gautama hatte ja selber erfahren, dass Askese nicht zu tieferen Erkenntnissen, sondern den Geist in die Irre führt, und einen „mittleren Weg empfohlen und selber beschritten, den Weg zwischen Askese und Zügellosigkeit. Und er hat Mönche, Nonnen und Laien immer wieder daran erinnert, dass menschliches Leiden nicht durch naiven Glauben und blinden Gehorsam beendet werden kann, sondern durch eigene Erkenntnis, eigenes Urteil und verantwortungsvolles Handeln, angefangen bei sich selber.
 

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*) Chân Không, eine buddhistische Nonne aus Vietnam, Weggefährtin von Thich Nhat Hanh, hat unter dem Titel „Aus Liebe zu allen Wesen ihre Lebensgeschichte veröffentlicht. Es ist die Geschichte von Buddhisten, die sich wie sie gegen Unterdrückung, Krieg und Elend engagiert haben.

 

 „Der Buddhismus sagt, dass die Annahme grenzenlosen materiellen Wachstums eine Illusion ist. Es ist offensichtlich, dass, wenn jeder Chinese ein Auto hat, dem die Erde nicht gewachsen ist. Aber wir müssen auch die Frage stellen, was wir eigentlich mit «Entwicklung» meinen.

 Im buddhistischen Konzept bedeutet «Entwicklung» die Entwicklung des Menschen. Das ist etwas anderes als materielles Wachstum, mitunter kann dieses sogar hinderlich sein.  Was wir brauchen, ist eine Balance zwischen spirituellem, sozialem und ökologischem Wachstum.

Sulak Sivaraksa, thailändischer Initiator des Netzwerks engagierter Buddhisten

(Aus Engagierter Buddhismus, Heft 3, 2002/03, übernommen  von der Times Higher Education Supplement)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Karma, Buddhismus und Schuld

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gespräch eines vietnamesischen Zenbuddhisten (Than) und eines Europäers (Miros)

 

 

 

 

 

 

Than: "Schuld, Strafe, Sühne, das sind Kategorien, die es bei uns nicht gibt. Sie bewirken selten Gutes, wie die Geschichte zeigt. Sie gehören zu einem Rechtssystem, das der Vergeltungssucht Vorschub leistet, der Rache."
"Der Buddha hat nie Menschen verurteilt?"
"Er hat sich nie in seiner Güte beirren lassen."
"Er hätte Menschen, die zum Massenmord bereit sind, nicht zur Rechenschaft gezogen?"
"Auch diese Menschen sind ein Teil von uns. Sie haben ein sehr schlechtes Karma."
"Was meinst du damit, Than?"
"Bist du dir denn so sicher, daß du, wärest du in ihrer Haut, anders denken, anders handeln würdest?"
"Das weiß ich nicht. Ich kann mir das nicht vorstellen."
"Siehst du, My. Karma heißt, wörtlich übersetzt, Tat. Es hat jedoch verschiedene Bedeutungen. Die Brahmanen sahen sich dem Karma ausgeliefert wie einem Schicksal. Denken und Handeln, das eigene Dasein, ihr Lebenslauf, das galt ihnen als vorbestimmt. So auch die Zugehörigkeit zu einer Kaste. Der Buddha hingegen erkannte, daß wir selber darüber entscheiden können, wie wir handeln, daß wir selbstbestimmt handeln können unter Voraussetzungen, die andere geschaffen haben, unter Bedingungen, die wir vorfinden, in Situationen, die sich aus den Taten, aus den Handlungen anderer Menschen ergeben. Der Buddha lehrte, man ist Brahmane nicht dank seiner Herkunft, sondern Brahmane ist, wer sich durch Weisheit und Güte verdient macht und damit gute Bedingungen für die Zukunft schafft, eben: ein gutes Karma."
"Und ein schlechtes Karma ?"
"Entscheidend ist die Motivation: Wenn vorsätzlich, wenn aus Haß, Gier, Verblendung so gehandelt wird, daß es schadet: Menschen, Tieren, Pflanzen, dem Wasser, der Luft, dann ist das schlechtes Karma. Ebenso, wenn Gedanken verbreitet werden, die zu solchem Handeln veranlassen. Wenn ein einzelner Mensch, eine politische Gruppe, eine Organisation oder ein ganzes Volk zum Feind erklärt wird, dann ist das schlechtes Karma. Immer, wenn Krieg und Kriegertum verherrlicht wurden, entstand ein schlechtes Karma. Es sind falsche Gedanken, die fortwirken, wie falsche Handlungen über Generationen fortwirken können. Und es sind die Folgen solcher Gedanken, solcher Handlungen."
"Auch Erfindungen, die mehr Schaden als Nutzen bringen? Die Atombombe zum Beispiel?
"Ja, solche Erfindungen folgen karmischen Gesetzen. Die Bombe hätte nicht verhindert werden können, aber es läßt sich ihre Anwendung stoppen. Gegenüber der brahmanischen Auffassung hat der Buddha die Entscheidungsfreiheit vertreten."
"Die Welt wird nicht mit Weisheit regiert."
"Dennoch, es hat immer wieder weise Beschlüsse gegeben. So vor 2500 Jahren in China. Da erschien ein Apotheker aus einer entlegenen Provinz am kaiserlichen Palast und bat um Einlaß. Er habe eine Erfindung gemacht und müsse sich darüber mit dem Kaiser beraten. Er wurde empfangen und überreichte ein Papier. Der Kaiser las das Papier und erkannte sofort, daß er eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen zu treffen habe. Deshalb rief er den Ältestenrat zusammen. Dieser bestand übrigens nicht aus lauter verkalkten Greisen mit Schwielen am Sitzfleisch, sondern aus Männern und Frauen der verschiedenen Berufe aus allen Provinzen Chinas. Sie waren an den Hof geschickt worden, um den Kaiser zu beraten, und mußten, damit sie keine Schwielen am Sitzfleisch bekamen, nach einigen Jahren zurückkehren in ihr Dorf. Die Erfindung wurde von ihnen allen gelobt. Noch mehr gelobt wurde jedoch die Tatsache, daß der Apotheker über die Folgen seiner Erfindung nachgedacht und seine Bedenken vorgetragen habe. Und so wurde nach erfolgreichem Experiment vor den Augen des Kaisers und des Ältestenrates beschlossen, die Erfindung aus der Welt zu schaffen, damit kein Schaden entstehe. Im Lande wurde die Nachricht verbreitet, man habe ein Rezept zur Herstellung eines sehr gefährlichen Stoffes vernichtet. Bald sprach sich herum, daß es sich hierbei um Schießpulver gehandelt habe."
"Ich glaube, ich habe das verstanden. Ich danke dir, Than. Nun mußt du mir noch sagen, was Wiedergeburt ist. Was wird wiedergeboren, Than? Hängt Wiedergeburt nicht mit dem Karma zusammen?"
"Die karmische Wiedergeburt. Ja, was wird wiedergeboren? Verhaltensmuster werden wiedergeboren, vor allem die schädlichen. Sie werden von einer Generation auf die andere übertragen."
"Und das Leiden findet kein Ende. Der Buddha hat doch aber gezeigt, wie man sich selber davon erlösen kann und den Kreislauf der Wiedergeburt unterbindet?"
"Ja, indem man die Ursachen allen Leides erkennt und sich dementsprechend verhält."
"Und was sind die Ursachen, Than?"
"Der Buddha nennt vor allem die Gier: Lebensgier, Habgier und Genußsucht, auch Zerstörungssucht. Macht und Sexbesessenheit, Anhaften an Illusionen, Haß. Alles in einem: die Selbstsucht."
"Wer seinem Triebleben ausgeliefert ist, leidet."
"So kann man es sagen, ja."
"Und wie bringen wir es unter Kontrolle?"
"Durch Zazen. Es gibt einen Mittelweg zwischen Askese und Ausschweifungen."
"Dem Buddhismus werden, von westlichen Kritikern, Pessimismus, Weltflucht und Sinnenfeindlichkeit unterstellt."
"Es ist schwierig, über den eigenen Horizont hinauszublicken."
"Ist Wiedergeburt nicht ein ganz natürlicher Vorgang? Wir sind vor langer Zeit Affen gewesen."
"Wir stammen jedoch nicht nur von den Affen ab. Wir stammen auch von den Bäumen ab... Hier sind unsere Wurzeln... Wir wissen, was wir waren. Wir wissen nicht, was wir werden... Werden und Vergehen und wieder Werden... Aus deiner Asche, aus den Partikeln, die von dir übrigbleiben nach deinem Tod, entsteht neues Leben. Schon jetzt sterben fortwährend die Zellen in deinem Körper ab, und sie erneuern sich. Ja, das ist die natürliche Wiedergeburt. Es ist der Lauf des Rades. Es sind Kreisläufe, ineinander verwoben. Nichts bleibt, was es ist, und kehrt wieder in anderer Gestalt. Das einzige, was Bestand hat, ist die Unbeständigkeit. Das gilt nicht nur in der Meteorologie."
"Eine letzte Frage, Than: Was ist Nirvana ?"
"Ein Zustand, in den du beim Zazen in tiefer Versenkung gelangen kannst."

(Aus: Der Ritt auf dem Ochsen oder Auch Moskitos töten wir nicht, Aachen 2000, S. 291 f.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Dietrich Stahlbaum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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